Nevis und St. Kitts

Es geht weiter Richtung Norden, unser Ziel heißt Nevis.
Um 8:00 Uhr nehmen wir Anker auf und legen bei zunächst leichtem Wind aus Nordost unter Motor Kurs 305° an.
Die Stimmung ist gedrückt, den unserer lieben Flöcki geht es in den letzten Tagen offensichtlich nicht gut. Offenbar bereitet ihr der Hinterlauf, den sie sich bei einem Sturz von unserem Balkon, schon vor über 2 Jahren verletzt hatte, und bei dem laut unserer Tierärztin nichts zu machen sei, plötzlich wieder große Probleme.
Sie bewegt sich kaum noch im Schiff, was natürlich auch wieder Folgen bei der Verdauung etc. hat. Wir bemühen uns es ihr so angenehm wie möglich zu machen, aber auch ihr hohes Alter von 17 Jahren macht es nicht leichter.
Später setzen wir Segel und erreichen unter Vollzeug bei 3 – 4 Windstärken gegen 14:20 Uhr unser Ziel.

Die Libra kommt etwas später an, haben dafür aber eine schöne Überraschung dabei. _1080965Endlich hat ein Fisch, nein sogar zwei angebissen – womit die Frage nach dem Abendessen erledigt ist, es gibt leckeres Sushi.

Da es zum einklarieren zu spät ist, bleiben wir unter gelber Flagge an einer Muringtonne liegen und erst am nächsten Morgen fahre ich gemeinsam mit Patrik an Land um die Bürokratie zu befriedigen.
Die Beamten sind sehr freundlich, wenn auch die Prozedur karibisch kompliziert ist (es müssen mehrmals Formulare mit den immer gleichen Daten ausgefüllt werden).

 

Als ich zurück zu Lili komme, geht es Flöcki sehr schlecht. 2 Stunden später tritt sie ihre letzte große Reise an. Es fließen viele Tränen, andererseits sind wir auch erleichtert, dass ihre Qualen ein Ende gefunden haben und es ihr im Katzenhimmel sicher besser geht.

 

Um uns abzulenken erkunden wir die Stadt, kaufen ein paar Kleinigkeiten ein und landen auf dem Rückweg in einer Hinterhofgaststätte (das wäre wohl so die passendste Beschreibung). Auf einem typisch karibischen Grill werden Hähnchen und Sparribs gegrillt und an den roh zusammengezimmerten Tischen und Bänken sitzen ausschließlich Einheimische. Es dauert nicht lange bis wir angesprochen werden (schließlich sind wir hier die einzigen mit heller Hautfarbe) und bald schon erfahren wir von den Plänen des Besitzers die Bar weiter auszubauen, jetzt nachdem die Regierung gewechselt hat erhofft er sich einen Aufschwung. Seine Frau kommt aus Jamaika, ist sehr geschäftstüchtig und kann gut mit den Gästen. Hoffnungsvoll schaut er in eine bessere Zukunft.
Auch mit den anderen Gästen kommen wir ins Gespräch. Als sie von uns hören, dass wir mit einem Segelschiff von Deutschland bis in die Karibik gesegelt sind, können sie das kaum glauben und sind schwer beeindruckt, was uns wiederum fast etwas peinlich ist.
Später kaufen wir uns eine Lokalzeitung und jetzt sind wir daran fast vom Glauben abzufallen. Von mehreren Ministern wird berichtet, dass diese nach der Wahl, mitten in der Nacht ihre Büroräume aufgesucht und taschenweise Unterlagen mitgenommen haben. Einer hat, darauf angesprochen was er denn geholt habe, da seine persönlichen Dinge ja noch im Büro wären, die Chuzpe und sagt – ihr glaubt ich bin dumm, nein ich bin nicht dumm, ich bin clever, die Nachfolger werden nichts finden, gar nichts.
Zufällig fallen zeitgleich die Eltern des neuen Tourismus Ministers einem Raubüberfall zum Opfer bei dem zwar nichts gestohlen, das Ehepaar aber übelst verprügelt wird.
Korruption scheint hier an der Tagesordnung zu sein und als wir später auf die Nachbarinsel St. Kitts kommen und dort den neuen Megajachthafen sehen, betrieben von einem Investor der gleich noch die halbe Insel gekauft hat, wird die Größenordnung deutlich.
In einem Supermarkt am Rande der Stadt gehen wir einkaufen und werden an der Kasse von einem älteren Herrn, wie sich herausstellt dem Besitzer, angesprochen. Als er erfährt das wir mit dem Schiff hier sind, bietet er an, uns mitsamt den Einkäufen zum Dingidock zu fahren.
Zuvor macht er mit uns noch einen Abstecher zu einem Thermalbad (leider haben wir keine Kamera dabei). Hier wurde schon im 17. Jahrhundert ein Badehaus errichtet, das leider dem Zerfall preisgegeben ist.

_1090059
Der nette Herr ist Mitglied eines Vereins, der sich um die Restaurierung bemüht und neben dem Haus einen Pool errichtet hat, der ganz offensichtlich auch genützt wird.
So versuchen die „kleinen“ Leute in Eigenregie die Insel attraktiver für Touristen zu machen, während das „große“ Geld ganz wo anders hinfließt wie wir wenig später auf St. Kitts feststellen.
Erst einmal verlegen wir uns aber 3 Seemeilen nach Norden in die Qualie Beach Bucht um zwei Tage später mit einem 5 Meilen Schlag nach St. Kitts zu fahren und in der Ballast Bay den Anker zu werfen.

Hier stimmt das Bild der Seekarte nicht mehr. Schon als wir uns nähern, stellen wir überrascht fest, dass die Masten die wir da sehen in einem vom Land umschlossenen Becken liegen müssen, aber wie kommen die da rein?
Nun die Antwort ist recht einfach, ein Investor hat beschlossen, aus dem Rund um geschützten Becken einen Hafen zu bauen und dafür einen Durchstich zur See gemacht.
Es handelt sich aber nicht um einen gewöhnlichen Hafen, nein, es ist ein Hafen für Megayachten.
Ein paar liegen auch drin, obschon der Hafen eher noch eine Baustelle ist. Drum herum gibt es (noch) nichts, aber es wird daran gearbeitet.
Man fragt sich aber schon warum sich ausgerechnet solche Megayachten in eine Baustelle legen.
Nun die Antwort ist ganz einfach. Der Hafenbetreiber hat den Megayachten die an der Antigua Sailingweek teilnehmen ein Angebot gemacht. Wer sich vor Start auf Antigua in den Hafen legt, erhält 3 Tage gratis.
Nun auch in diesen Kreisen muss gespart werden .
Immerhin, wenn man bedenkt das der monatliche Unterhalt eines dieser Schätzchen den Wert unserer Yacht wahrscheinlich übersteigt.
Wir laufen übers Hafengelände und wollen gerade auf den Steg um diesen Beauties etwas näher zu kommen, werden aber sofort vom Security Personal sehr höflich aber bestimmt darauf hingewiesen das dies nicht gestattet sei.
Von ihnen und dem Barkeeper der in einem Imbisswagen arbeitet – aber nicht Pommesbude, nein, nein, alles vom Feinsten,erfahren wir etwas über das Projekt St. Christoph. Schon seit ein paar Jahren wird hier immens investiert.
So wurde nicht nur das Gelände des Hafen gekauft, sondern gleich alles umliegende Land. Fast der gesamte südliche Teil der Insel hat den Besitzer gewechselt. So etwas geht selbstverständlich nicht ohne den politischen Segen der Regierung… (wir erinnern uns an die Berichte aus der Tageszeitung und verstehen…)
Auch der hintere Teil des Beckens soll noch ausgebaut werden, dann möglicherweise auch mit Anlegestellen für Schiffe unserer Größenordnung.

Am nächsten Morgen dann kommen sie plötzlich aus dem Hafen, eine Jacht legt sich zwischen die Libra und die Lili um ein Segel zu heißen.
Auf den Fotos sind die Größenunterschiede durch die Perspektive zwar etwas verzerrt, aber diese Schiffe sind wirklich riesig.
Bald schon taucht ein Hubschrauber auf, während die Schiffe sich in einer Formation am Horizont aufreihen.. Die Presse, oder ein stolzer Eigner der sein „Spielzeug“ mal von oben betrachten will?

Zwei Tage später verlegen wir uns um 5 Seemeilen nach Bassterre und reiben uns mal wieder verwundert die Augen als wir die Pseudo Stadt die hier für Kreuzfahrttouristen aufgebaut wurde, sehen. Ein Laden am anderen, europäisch und alle großen Namen sind vertreten.
Das hat nun überhaupt nichts mit Karibik zu tun.
Wir laufen schnell hindurch um in die richtige Stadt zu kommen und entdecken auch bald den Supermarkt. Karibik typisches Gewusel, überall Straßenverkaufsstände und an der ganzen Straße entlang werden Grills aufgebaut.
Freitag und Samstag sind Barbecue Days, es kommt uns vor, dass dann jeder der will, sich an die Straße stellen und grillen darf. Leckeres wird da Feilgeboten und bald schon können wir Spareribs und Hähnchenschenkel nicht mehr widerstehen und tun es den Einheimischen gleich, setzen uns an den Strassenrand, genießen das leckere Essen und den Trubel.
Uns ist schon in Gesprächen aufgefallen, dass viele „Zuhause“ dann denken ob das denn nicht gefährlich ist?
_1090090Nein, es ist genauso wenig gefährlich wie in einer deutschen oder sonstigen Europäischen Stadt, die wir besucht haben.
Natürlich halten wir im Gewusel Augen und Ohren offen, sind aufmerksam und manchmal auch zu skeptisch, weil wir es einfach nicht glauben können, dass einem so geholfen wird– wie z.B. der freundliche Ladenbesitzer, der uns und unsere Einkäufe zum Steg gefahren hat, mit einer Exkursion in die Historie.
Natürlich hätte man auch Sorge haben können ob es jetzt irgendwo in den Regenwald geht wo andere Gesellen warten?
Es scheint für uns oft ein Problem zu sein, gutgemeinte Hilfe anzunehmen, weil wir bei so was Hinterhältigkeit vermuten?
Nun, es bleibt nur der eigene Verstand, Menschenkenntnis (wobei man gerade damit oft falsch liegt – im positiven Sinn) und sicher auch das Glück nicht im falschen Moment am falschen Ort zu sein.
Aber wo auf der Welt ist das nicht so?
Wir fühlen uns sicher und nur oft überrascht von der Hilfsbereitschaft!

y_1080977Auf der Suche nach einem Stück Aluminium Blech (welches ich, zwischendurch gesagt, schon mal an Bord hatte, aber in Ueckermünde gelassen habe wegen Platzmangel und was soll ich mit Aluminium Blech? Deswegen wirft ein Segler nichts (mehr) weg, scheint es auch noch so unnützlich, der Tag kommt…) laufen wir die halbe Stadt ab.
Erster Weg natürlich zum Baumarkt, da findet man auch einiges nur kein Aluminium Blech, in beiden nicht – und nun?
Da gibt es noch ein Industriegebiet mit einer Werft (habe ich übers Internet raus gefunden und wir werden auch dort hin geschickt) das ist aber ein gutes Stück entfernt. So laufen wir in der Hitze durch Straßen gesäumt von an deutsche Schrebergärten anmutenden Anwesen und hin und wieder, bei uns würde man wohl sagen „Schrotthalden“. An einer kleinen solchen, die gleich noch eine Bar bietet, welche aus einer nach unseren Maßstäben zusammengeschusterten Bretterbude besteht, werden wir von den drei Anwesenden angesprochen. Woher – wohin – und ob wir nicht eine Erfrischung brauchen. Recht hat er, warum nicht eine kurze Pause und etwas kühles trinken.
Schnell entspinnt sich ein Gespräch, wobei die Herren wiederum sehr beeindruckt sind, dass wir von Deutschland hier her gesegelt sind.
Man ist noch auf der Suche nach einem Namen für die Bar, die der Kleinschrottplatz Besitzer jetzt neu eröffnet hat. Wir offerieren den Namen „Green Corner“.
Diversifikation wird so etwas in Wirtschaftsdeutsch genannt, und wir freuen uns das wir dieses Unterfangen unterstützen dürfen.
Fast hätten wir noch ein Aluminiumblech bekommen, aber leider zu dünn und der geforderte Preis zeugte von Geldnot, es handelte sich wohl um so ne Art Treppenstufenabdeckung, so sah es jedenfalls aus.
Also sind wir weitergezogen, auf Straßen, Schotterwegen und einmal auch mitten durchs Gebüsch. Die Werft haben wir gefunden, leider aber kein Alublech. Außer einer sehr netten Holländerin war auch keiner mehr da, vielleicht am Montag meinte Sie hilfsbereit.
Fündig wurden wir dann in einer kleinen Metallwerkstatt. Der Inhaber wollte kein Geld für das Stück, das natürlich auch gebraucht, aber genau das war, was ich suchte.
Ich hab ihm 20 EC für die Kaffeekasse gegeben, wollte er erst nicht nehmen und hat sich dann einfach gefreut, dass ich wohl das gefunden habe was ich suchte.
Als wir anschließend an der Straße stehen und einen Minibus (das sind die sogenannten Localbusses wo man quasi überall zu – und absteigen kann) anhalten wollen, hält keiner an, dann einer, relativ neuer Bus, fragt wohin wir wollen, nein eigentlich fragt er ob wir in den Hafen wollen, im Bus sitzt niemand außer einer Frau auf dem Beifahrersitz und hinten ein riesengroßer Spiegel auf dem Boden, auf den wir bitte nicht drauftreten sollen. Mit etwas gemischten Gefühlen nehmen wir Platz – sieht zwar aus wie ein Localbus, aber im Moment wohl eher Privat betrieben. Er fährt uns genau bis zur benannten Stelle und als wir fragen was wir schuldig sind, meint er mit einem Lächeln, was wir geben wollen. Wir geben ihm das doppelte von dem normalen Fahrpreis, der lächerlich gering ist, und verabschieden uns mit Handschlag :-) .
Es sind diese Kleinigkeiten die die Menschen ausmachen.
Als wir anderntags mit Vreny und Patrick durch die Straßen laufen, ruft und winkt aus einem hinteren Eck einer. Ohne Brille kann ich sein Gesicht auf diese Entfernung nicht erkennen und beachte ihn einfach nicht weiter. Erst als er ruft „Hello Mister German Man“ drehe ich mich um. Und siehe da, es ist einer der Gäste aus der Hinterhofbar von der Nachbarinsel Nevis. Er kommt freundlich auf mich zu, mit dem obligatorischen Karibischen Handschlag. Er hat gerade auf der Insel zu tun und ist bei Freunden. Nach einem freundlichen, kurzen Gespräch verabschieden wir uns, mit der Aussicht uns möglicherweise auf einer anderen Insel nochmal wieder zu sehen.

_1090087Da vor Basseterre teilweise heftiger Schwell steht, verlegen wir unsere Schiffe wieder etwas weiter östlich, und tauchen noch einmal in die „andere Welt“ ein. In der wunderschönen Bucht gibt es eine Strandbar und wir beschließen spontan einen Sundowner an Land zu nehmen. Vielleicht sehen wir ja endlich mal einen „Green Flash“.
Die Bar gehört zum Hafenprojekt was die exorbitant hohen Preise erklärt. Da muß der Schwabe erst mal schlucken und in dem Moment werde ich von einem Kellner gefragt ob wir Mitglieder der Gruppe wären. Angesichts der Preise überlege ich kurz und denke, klar sind wir Mitglieder – irgendeiner Gruppe -, aber nein wir wollen uns nichts erschleichen – so zücken wir mit zusammengebissenen Zähnen die Portmonais und genießen mit gutem Gewissen die wundervolle Atmosphäre.
Da flätzen wir unter freiem Himel auf superbequemen Polstern, jeder einen Drink in der Hand, das heißt Patrik hat sich mit einem Bier begnügt (Südschwabe quasi  ) (auwei, ich glaub das gibt Schläge  ) – schauen aufs Meer hinaus wo Libra und Lili nebeneinander vor Anker liegen, während langsam die Sonne untergeht (leider ohne Green Flash). In der Bar erstrahlen überall farbige Leuchten, ein traumhaftes Ambiente. Ja, man kanns schlechter haben – denn Gott sei dank sind in solchen Momenten die Erinnerungen an zurückliegende Strapazen wie weggeblasen und wir genießen den Moment…

Da sich die Frage nach einem zweiten Drink aufgrund der Preise ausschließt, geht es bald wieder zurück nach Hause, auf unsere kleinen Inseln.
Das nächste Ziel wartet auf uns, die goldene Insel, so wurde sie zumindest früher genannt.
Heute heißt die holländische Insel St. Eustacia oder im allgemeinen Sprachgebrauch einfach Statia…