Atlantik

Jetzt geht es endlich los – die Karibik erwartet uns. Vor uns liegen ca. 2.800 Seemeilen, rund 20 – 28 Tage werden wir ohne Unterlass auf See sein. Aufgeregt? Na ja, vielleicht ein klein bisschen. Eher quälen Fragen, haben wir an alles gedacht und die Sorge, steht die Technik alles durch?
Wir sind ja nicht die ersten, die diese Überfahrt machen… also, es wird schon schief gehen ;-)
Elvira und Alfons von der Murada helfen uns beim Ablegen mit den Leinen.
Bei Wind ist es manchmal etwas „tricky“, da Lili ja ihren eignen Kopf hat und eben nicht immer das macht, was der Skipper will.
Dank der sachkundigen Hilfe klappt alles reibungslos und 5 Minuten später machen wir ebenfalls wieder mit Hilfe der beiden an der Tanke fest. Bei so einer langen Fahrt will man den Tank natürlich voll haben. Zwar hat Alfons uns schon etliche Kanister Diesel mit dem Mietwagen angekarrt (wir haben jetzt noch ein schlechtes Gewissen, aber die beiden gehören zu der, leider selten gewordenen, Sorte Menschen, die selbstlos anderen helfen. Ganz lieben Dank nochmal an Euch beide und wir freuen uns schon Euch nächstes Jahr in der Karibik wieder zu sehen!), aber wir haben festgestellt das wohl noch so 200 l Diesel fehlen. Den Tank jetzt noch mit Kanistern aufzufüllen wäre zu viel des Guten. Irgendwann erscheint dann auch der Tankwart und der Tank wird randvoll gefüllt – natürlich läuft auch noch ein kleiner Schwapp in die Bilge – das sorgt aber im Salon immer für einen angenehmen Dieselduft

Wir passieren die Hafenmauer und ich schalte den Autopiloten ein, um Anke beim aufklaren der Leinen und Fender zu helfen, die wir die nächsten 3 Wochen nicht brauchen werden. Beim Rundumblick stelle ich fest, dass der Kurs nicht stimmt und gehe zurück ans Ruder. „Error 32“ zeigt das Display des Autopiloten, kommt mir irgendwie bekannt vor. Zunächst aber setzten wir bei Kaiserwetter und bestem Wind die Segel, dann kümmere ich mich um den Autopiloten. Error 32 heißt, der Kompass liefert keine Daten. Dasselbe Problem hatten wir letztes Jahr im April in Boulogne, damals habe ich den jetzt installierten Kompass für verdammt teures Geld neu gekauft – und jetzt? Ich checke alle Kabel und Verbindungen, kann aber nichts feststellen, also ist wohl das Gerät wieder defekt. Kurz überlegen wir, was wir jetzt machen, aber den Sprung über den großen Teich mit defektem Autopiloten (der benötigt den Kompass) zu starten, nein, das wäre unverantwortlich. Die Stimmung fällt unter den Gefrierpunkt und wir beschließen nach Puerto Mogan zu fahren um von dort aus wieder Kontakt mit meinen „lieben Freunden“ von Gotthardt, dem Generalvertreter von NEXUS aufzunehmen. Wir kennen uns ja inzwischen ganz gut, denn das ist bereits der vierte Ausfall eines NEXUS Geräts innerhalb weniger als 2 Jahren. Ich rufe außerhalb der Geschäftszeiten an, sagt mir die freundliche Stimme vom Band – ja, ist auch schon knapp 16:00 Uhr durch – aber, der Geschäftsführer ruft 10 Minuten später zurück. Dies muss lobend erwähnt werden. Ich beschreibe das Problem und bitte um eine Ersatzlieferung nach Puerto Mogan.19P1060458
Zunächst wird mir mitgeteilt, dass man eigentlich keine Probleme mit dem Gerät kenne – seltsam, ich allein weiß schon von 3 Ausfällen (das ursprüngliche Gerät wurde von mir über die Bootsbörse gekauft und war ein Garantietausch (nicht eingebaut, konnte man sehen), dies fiel in Bolougne aus, worauf hin ich ein neues zum vollen Listenpreis kaufen musste, da die Garantiezeit leider ein halbes Jahr überzogen war – ergo, 3 defekte Geräte). O.K. man schickt morgen ein neues Gerät raus. Um den Frust etwas zu dämpfen gehen wir an diesem Abend essen mit Mexican Coffee als Abschluss.
Am nächsten Tag kommt eine Email von UPS, das Paket ist unterwegs und soll Freitag eintreffen.Wir verbringen die Wartezeit mit dies und jenem, fahren am Mittwoch mit dem Linienbus nach Las Palmas um dort noch ein paar Yachtzubehör Händler zu beglücken – man braucht ja immer noch ein paar Kleinigkeiten ;-) und Freitag Nachmittag trifft das Paket ein. Sofort installiere ich den den neuen Kompassgeber – funktioniert. Das hat doch ganz gut geklappt, muss man, trotz des Ärgers, sagen.
Gut, morgen am Samstag, den 17.01.2015 werden wir ablegen, das Wetter wird nochmal gecheckt, sieht alles gut aus – leider nicht so optimal wie vor einer Woche, aber…
Wir beschließen am letzten Landabend noch etwas spazieren zu gehen, die nächsten 3 Wochen werden wir dazu keine Gelegenheit mehr haben und entscheiden spontan noch ein paar Tapas zu essen.
Fast jedes Lokal grasen wir nach den Leckereien, die wir suchen, ab und werden buchstäblich im letzten der Meile fündig. Noch ist das Lokal fast leer, aber kaum sind unsere Getränke serviert füllt, es sich zunehmend – während das Lokal neben an gähnend leer bleibt. Interessiert beobachte ich das Geschehen (irgendwie kommt man ja nicht aus seiner Rolle) – irgend etwas macht der Nachbar falsch. Als unsere (übrigens sehr leckeren) Tapas serviert werden, ist unser Lokal fast bis auf den letzten Platz besetzt, im Nachbarlokal sind alle Tische leer – da würde ich mal anfangen nachzudenken an was das wohl liegt – aber Gott sei dank habe ich diese Probleme gerade nicht…
Unser Restaurant feiert heute sein 3 jähriges Bestehen, deshalb gibt es zum Abschluss ein Glas Sekt. Wir stoßen auf unser großes bevorstehendes Abenteuer an.

Am nächsten Morgen wird das Schiff klariert, die Wassertanks gefüllt, wir gehen nochmal einkaufen (sauteuer im Spar – diese Meinung werden wir allerdings später in der Karibik nochmal revidieren – es ist eben alles relativ ;-) ), die Liegegebühr wird bezahlt und gegen 15:00 Uhr ist es dann so weit. Wieder heißt es Leinen los – diesmal bei fast Windstille ganz ohne fremde Hilfe.
Vor dem Hafen erwartet uns eine leichte Brise, bevor wir jedoch Segel setzen, fahren wir erst noch einen Kreis um die Einstellungsroutine für den neuen Kompass abzuschließen. So, Autopilot einschalten und Segel setzten – diese jedoch auf der falschen Seite!?
Ja, wie so oft zeigt uns der Windmann was er so alles drauf hat – wobei fairerweise gesagt werden muss das er für die nun folgende Phänomene eigentlich keine Verantwortung trägt – dies holt er aber später nach ;-)
Angesagt war Nord-Ost 4 bis 5 Bft, jedoch kommt der Wind aus Süd-Ost. Nun, das liegt am sogenannten Kappeffekt, (der Wind läuft die Küstenlinie entlang) und ändert seine Richtung auch sehr bald als wir die Zone verlassen. Jetzt kommt er tatsächlich aus Nord-Ost aber mit 7 – 8 Bft, denn jetzt kommen wir in die sogenannte Düse (zwischen den Inseln Gran Canaria und Teneriffa wird der Wind beschleunigt (Düseneffekt)) und pendelt sich dann bei einer guten 8, in Böen sogar 9 Bft ein. Der Seegang folgt der Windvorgabe und Lili legt mal wieder einen ordentlichen Tanz aufs Parkett.
Flöcki ist nicht nur zum kotzen zu Mute, sie tut es auch ausgiebig – gut, dass sie keine Ahnung davon hat, wie lange diese Fahrt dauern wird.
Anke und ich gehen abwechselnd Ruder, denn dem Autopiloten ist dieser Seegang nicht mehr zuzumuten. In der Mitte der Düsenzone werden Wind und Welle dann etwas ruhiger, um in der Nacht am westlichen Ausläufer wieder zuzunehmen.
Später, als wir in die Abdeckung von Teneriffa kommen, lässt wenigstens der Seegang etwas nach und Lili jagt unter zur Badetuch Größe gerefften Genua mit 8 Knoten durch die stockdunkle Nacht. Das fängt ja gut an…
Dann kommen wir in die totale Windabdeckung der Inseln und müssen die Dieselfock (Motor) setzen. Rund 5 Stunden, dann kommt wieder Wind auf. Wieder beginnt das Spiel, Segel setzen, 1. Reff, 2. Reff, Segel bergen – jeder der das mal bei ordentlich Atlantikwelle gemacht hat, weiß wovon ich rede – Lili kommt mir vor wie ein bockiger Mustang, der es nur darauf abgesehen hat mich abzuwerfen.

Irgendwie schafft es Anke tatsächlich uns bei dem Geschaukel Essen zu kochen, nur leider bleibt dies nicht auf dem Teller, überhaupt ist essen eigentlich nicht möglich, da man so 4 – 5 Hände bräuchte um den Teller nicht nur fest, sondern auch immer in der Waagerechten zu halten, sich selbst irgendwie auf dem Sitz zu halten, dafür zu sorgen, dass das Besteck und unglücklicherweise auch noch ein Getränk auf dem Tisch bleiben – ab jetzt gibt’s nur noch Essen aus Schüsseln – selbst Pizza ist nicht mehr drin, da der Belag sich ständig davon macht… und Pizza aus der Schüssel ist auch irgendwie doof.

In der Nacht vom zweiten auf den dritten Tag gibt es Alarm. Es beginnt damit, dass wir hören wie die Bilgepumpe anläuft – immer ein schlechtes Zeichen. (Für die Nichtsegler: die Bilgepumpe sitzt am tiefsten Punkt im Schiff, dort wo alle austretenden oder eintretenden Flüssigkeiten zusammenlaufen, springt sie an, ist vermutlich irgend etwas undicht). Vor unserer Abfahrt habe ich die Bilge noch komplett trocken gelegt.
Zunächst noch relativ ruhig bewaffne ich mich mit einer Kopflampe und hebe ein Bodenbrett hoch. Mit der Ruhe ist es schnell vorbei, fast gefriert mir das Blut in den Adern, in der gesamten Bilge schwappt Wasser hin und her. OK, denke ich, jetzt ganz ruhig, klettere hinunter und checke die Schlauchverbindungen unserer Wassertanks – nichts zu sehen. Geschmackstest, Salz oder Süßwasser? Ich stippe den Finger hinein und lecke das Wasser ab, mhh, schwer zu sagen, schmeckt ein wenig nach Diesel und Öl und ja, irgendwie auch etwas salzig, nein, es soll n i c h t salzig schmecken, salzig ist ganz schlecht – also nochmal, diesmal etwas beherzter, Salz oder Süßwasser… schei…, das ist eindeutig Salzwasser. Die schlimmste aller Möglichkeiten.
Der Adrenalinpegel erreicht seinen Höchststand und in meinem Kopf laufen mehrere Programme gleichzeitig ab. Ich überlege kurz, ob ich zuerst unseren Kurs Richtung El Hierro, welches momentan so ca. 30 Seemeilen Nordöstlich von uns liegt, ändern, oder mit der Lecksuche beginnen soll. 30 Seemeilen, alles in allem ca. 6 Stunden, ich könnte den Schlauch von der Motorkühlung abmachen und damit das Seewasser aus dem Schiff pumpen, zusätzlich zur Bilgenpumpe wenn der Wassereinbruch stärker wird. Aber wo verdammt nochmal kommt das Wasser her? Anke und ich beginnen mit der Lecksuche.
Da der vordere Schiffsbereich durch ein Schott vom Motorraum getrennt ist und durch die Verbindungsleitung kein Wasser läuft, muss das Leck im achteren, hinteren Bereich des Schiffes liegen. Wir heben die Bodenbretter in der Eignerkabine, hier ist alles trocken – Ruderschaft kann ausgeschlossen werden. Nächste Möglichkeit die Welle oder der Wellentunnel. Wir räumen den Nassschrank aus, um an die Welle zu kommen. Noch während ich Anke die dort gestauten Dinge in die Hand drücke, ruft der kleine Mann in meinem Kopf „Hallo, hallo, fällt dir nichts auf? Hier ist etwas nicht wie es sein soll!!!“ Und dann sehe ich es, der Schlauch ist weg. Das heißt, er ist noch da, aber nicht mehr da wo er sein soll.
Erklärung: Wir haben eine Wellendichtung, die Wasser geschmiert ist. Um sicher zu stellen, dass diese auch immer mit Wasser gefüllt ist, hat sie einen Schlauchanschluss um Wasser zuzuführen oder zum entlüften. Nachdem dieser Schlauch zunächst an die Kühlwasserleitung (Seewasser) angeschlossen war – dies aber zu einem Wasserschlag (Motorschaden) geführt hat, habe ich den Schlauch senkrecht weit über der Wasserlinie im Nassschrank befestigt, hat ja auch ziemlich lange gehalten. Durch den ordentlichen Tanz der letzten Tage hat er sich wohl gelöst und ist nach unten gefallen – unter die Wasserlinie und hat somit die Bilge gefüllt. Kein Leck! Uns fallen Felsbrocken vom Herzen.
Der Schlauch wird neu befestigt und ich gönne mir erst mal einen Schluck Feuerwasser. Irgendwie muss ja auch der Salzwasserdieselölgeschmack von meiner Zunge gewaschen werden ;-) .

Seit Beginn unserer Reise fahren wir an unserem Heck die Pazifik Plus Selbststeueranlage, eine Windfahnensteuerung, die das Schiff immer im gleichen Kurs zum Wind steuern soll und dabei keinen Strom verbraucht, spazieren. Wer eifrig unsere Berichte von Beginn an gelesen hat, wird sich vielleicht auch noch daran erinnern, wie sie anfangs dafür sorgte, dass Lili Schlangenlinien fuhr (weil ich das Ruder nicht richtig arretiert hatte). Zwei dreimal hatten wir unterwegs versucht sie in Betrieb zu nehmen, sind aber jedes mal gescheitert – warum? Ich weiß es nicht.
Viel habe ich darüber nachgegrübelt, ob ich beim Anbau einen Fehler gemacht habe, stimmen irgendwelche Winkel nicht etc.. Habe mit anderen Seglern, die die Anlage kennen, darüber gesprochen, wo es dann hieß, dies und jenes vielleicht zu kurz, Teile tauschen und so weiter. Wie dem auch sei bis jetzt führte sie ein stiefmütterliches Dasein. Heute, am zweiten Tag, will ich es nochmal versuchen. Lili läuft bei 7 Bft nur unter Genua, da gibt es nicht allzu viel Trimmfehler oder dergleichen. Tja, was soll ich sagen, Schiff auf Kurs gebracht, Windfahne eingestellt, das Ruder festgestellt (mit dem tollen Holzkeil, den uns Detlef und Manfred in allerletzter Minute vor unserer Abfahrt in Ueckermünde noch angefertigt haben – tausend Dank nochmal dafür) – und ? Funktioniert – einwandfrei und tadellos und das über den ganzen Teich.
Ich bin völlig sprachlos, wie einfach und zuverlässig, und wäre der Platz des Mitarbeiters des Monats nicht schon dauerhaft von Anke besetzt (weil sie es auch noch in der schlimmsten Welle mit zirkusreifer Akrobatik schafft, super leckeres Essen zu kochen – sogar wenn man es aus der Schüssel essen muss – bei unserer ganzen Überfahrt einfach ihren (See)Mann steht (da kann es blasen wie blöd, Lili sich flach aufs Wasser legen, meine tollste Bordfrau zuckt da nicht mal mit der Wimper) weil sie sich traut so alleine mit einem „kleinen“ Schiff über den Atlantik zu schippern, jeden Tag über die Intermar Amateurfunkrunde für Segler Kontakt zur Außenwelt hält und noch viel mehr und überhaupt, ist dieser Ehrenplatz dauerhaft ihrer…) würde die Windpilotanlage diesen bekommen. Da sie aber nicht kochen kann und auch nicht funken und und und, reicht es nur für den zweiten Platz. Würde alles technische so gut funktionieren wie der Windpilot, hätten wir keine Probleme.

Die erste Woche ist hart. Der Wind bläst ordentlich, meist mit rund 20 – 30 Knoten und oft würde ich gerne mehr Segel setzen, aber der Windmann scheint irgendwie auf einer Tuba zu blasen, denn es gesellen sich dazu immer wieder Abschnitte in denen es dann bis zu 36 Knoten bläst, dies sind keine typischen kurzen Böen sondern es geht dann über eine halbe bis zu einer Stunde so. Nachdem wir anfänglich noch etwas ambitionierter die Segel setzen, habe ich irgendwann genug davon auf einem bockenden Mustang das Großsegel zu bergen. So laufen wir dann unter kleiner Genua und Besan möglichst auf Raumen Kursen. Dies bringt zwar in den 20 Knoten Phasen nicht den maximalen Speed, dafür steuert die Pazifik plus aber auch klaglos die stärkeren Windphasen durch, ohne das gerefft werden muss.
Irgendwie auch seltsam, über 8.000 € habe ich in neue Segel investiert und jetzt fahren wir tausende Seemeilen mit den beiden ältesten Segeln, die an Bord waren.

20P1060475Die Tage und vor allem die Nächte sind zunächst noch kalt, obwohl wir uns südlich der Kanaren bewegen. Dazu, weil Neumond und sehr bewölkt, rabenschwarz. Das Wasser ist schwarz, der Himmel ist schwarz, einen Horizont kann man nicht mehr erkennen. Wären nicht die Wellen, die das Schiff hin und her bewegen, man könnte glauben durchs All zu fliegen. Etwas unheimlich sind diese Momente manchmal, man fährt dahin und sieht nichts, außer dem gelegentlichen Diamantschleier um Lili durch die Gischt.
Wellen sind nicht zu erkennen, außer sie brechen, dann glimmt aus der Dunkelheit ein weißer Schein, den man oft für ein anderes Schiff hält. Häufig haben wir Wellen aus verschiedenen Richtungen. Während die Dünung zur Windrichtung passt und Lili sich dabei nur hebt und senkt, kommt plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Brecher angerollt und wirft Lili auf die Seite oder schlägt mir ohrenbetäubendem Getöse gegen die Bordwand.
Manchmal kann man sie kommen hören, ein dunkles immer mehr zunehmendes Rauschen aus dem Nichts. Wie ein Ungeheuer das einen verschlingen will.
Dazu kommt, wenn der Wind auffrischt und Lili antreibt, sie zu zittern und vibrieren beginnt, manchmal derart, dass man denkt, jetzt zerbricht sie gleich.
Sorgenvoll betrachte ich dann unsere Masten und bin froh die Verstagung neu gemacht zu haben, denn über Amateurfunk wissen wir vom Schicksal anderer Schiffe.
Mehrere hundert Meilen vor uns läuft ein Stahlschiff, ebenfalls wie Lili eine Ketsch (ein Schiff mit 2 Masten), das den Hauptmast mitten auf dem Weg zur Karibik verloren hat. Noch über Tausend Seemeilen liegen vor ihnen und mit dem Notrigg schaffen sie maximal 2,5 Knoten, meist weniger.
Ein anderes Schiff hat einen gebrochenen Lümmelbeschlag (das ist die Verbindung zwischen Baum und Mast, ist diese gebrochen, kann man das Großsegel nicht mehr setzen).
Wir hören von vier Schiffen rund um die Kanarischen Inseln, die havariert oder mit gebrochenen Masten geborgen werden mussten. Jedes mal, wenn ich mehr Segel setzen will, um noch einen halben Knoten Fahrt rauszuholen, denke ich an diese Schiffe und dass sie unterm Strich nachher deutlich langsamer sind. Überhaupt, habe ich in meiner ganzen „Segelkarriere“ noch nie so viele Schiffe mit gebrochenen Masten gesehen oder von ihnen gehört wie in der Zeit die wir jetzt unterwegs sind. Also, lieber etwas weniger Tuch im Wind und etwas langsamer, als schnell in die Katastrophe…

Apropos schnell, ursprünglich wollten wir den direkten Weg einschlagen, Kurs 252° Puerto Mogan – Martinique. Dass sind rund 300 Seemeilen weniger als der klassische Weg, bei dem zuerst nach Süd und anschließend nach West gelaufen wird.
Der Haken bei dem kurzen Weg ist, dass man in ein Flautengebiet geraten kann und dann sehr viele Meilen motoren muss um ans Ziel zu gelangen. Leider reicht die Windvorhersage bei der Abfahrt nicht bis zu diesem Gebiet, sah aber Anfangs ganz gut dafür aus.
Später hören wir dann über die Intermar Funkrunde, von denen wir täglich unser aktuelles Wetter bekommen, von dem sehr stabilen Azorenhoch und denken uns, dass es vielleicht doch sinnvoller wäre, etwas weiter nach Süden zu laufen, zumal wir dort, bei den gegebenen Windverhältnissen, einen angenehmeren Kurs laufen können.
So kommt es, dass wir doch eher dem klassischen Kurs folgen, was zunächst auch mit stetigem Wind belohnt wird. Erst gegen Ende der zweiten Woche geraten wir (übrigens genau in einem Gebiet, von dem alle behaupten da habe man immer Wind) in eine Schwachwindzone bzw. Passatstörung.
Das macht das Segeln richtig nervig, denn zu dem kaum vorhandenen oder sehr böigem Wind gesellt sich der starke Schwell. Das bedeutet, dass die gesetzten Segel ständig zusammenfallen um sich kurz darauf mit einem gewaltigen Knall wieder zu füllen.
Dabei erzittert jedes mal das gesamte Schiff und man wundert sich nur, dass das Tuch nicht in Fetzen herunterhängt oder das Vorstag noch nicht gebrochen ist. Da hilft auch kein ausbaumen oder dicht nehmen der Segel. Lange steht man das nicht durch.
Es bleibt dann nur einen Kurs zu wählen, bei dem die Segel wenigstens einigermaßen stehen bleiben, auch wenn dieser nicht direkt zum Ziel führt oder die Segel zu streichen.

Ansonsten ist das Atlantiksegeln recht eintönig. Es gibt außer Wellen, Wolken, Himmel und in den mondlosen Nächten einem wunderschönen Sternenhimmel, kaum etwas zu sehen.
Ab und an tauchen ein paar fliegende Fische auf und bis zum Ende der zweiten Woche haben wir zwei mal für kurze Zeit Delphine gesichtet.

03_1080007Dann gibt es noch die Algenfelder. Dachten wir anfangs noch an von einem schweren Sturm aufs Meer geblasene Pflanzen, wird irgendwann klar – das kann nicht sein, dafür sind es zu viele.
Eines Nachts, wir haben gerade eines von Ankes leckeren Gerichten verspeist, hören wir plötzlich ein schleifendes Geräusch und spüren wie Lili langsamer wird und aus dem Kurs läuft. Draußen ist es stockdunkel, aber mit der Taschenlampe können wir erkennen, das wir mitten in einem riesigen Algenfeld sind.
Das Servoruder der Windsteueranlage hängt voller Algen und kann nicht mehr arbeiten. Irgendwann ist der Spuk vorbei und um Lili von dem Zeug zu befreien, starten wir den Motor und geben rückwärts Gas. Das hilft, die Algen fallen ab und Lili geht wieder auf Kurs.
Dieses Prozedere müssen wir in der folgenden Zeit immer wieder anwenden.

Ab ca. 35 Grad westlicher Länge wird es endlich wärmer, nachts fällt das Thermometer nicht mehr unter 22 Grad Celsius und die Wassertemperatur steigt nahezu täglich um ein Grad. Auch das Wetter wird besser, sprich wir haben mehr Sonnenstunden.

Flöcki hat nach der ersten Woche auf See ordentliche Seebeine bekommen und nimmt die Schaukelei mittlerweile mit einer Gelassenheit, als wäre es das normalste von der Welt. Nicht nur der Mensch ist ein Gewohnheitstier ;-) . Trotzdem neigt sie doch hin und wieder dazu, wenn es besonders schlimm ist, an Ort und Stelle ihr Pipi zu machen. Es ist uns völlig klar, dass sie uns damit nur ihre Begeisterung über das Hochseesegeln ausdrücken will und bald haben wir unter unserer Sprayhood einen Stapel von Kissen und Decken liegen, die allesamt von Flöcki gekennzeichnet wurden.

Die Tage verschwinden in dem sich einstellenden Rhythmus von Wache, Freiwache und Funkrunden. Diese sind der einzige Beweis, dass wir nicht alleine auf der Welt sind – es ist eben wie Waterworld…

Unseren Bordcomputer haben wir zwecks Stromsparen abgeschaltet. Zwar sind wir ganz gut ausgerüstet, mit Solarpaneelen, Windgenerator und natürlich den besten Batterien, aber auch die besten Batterien sind nur Speicher und wenn man sie nicht befüllt, sind sie irgendwann leer.
So saugen unsere zwei Kühlschränke, Kaffeemaschine, Laptop, Tabletts (ja, die wollen alle geladen werden) etc. schon ganz ordentlich Strom. Und den sollten Windgenerator und Solarpaneele liefern. Dumm nur, wenn, wie in unserer ersten Woche, der Himmel dauerhaft mit Wolken bedeckt ist, die Sonne keinen Weg auf die Paneele findet und der Windgenerator im Spiel der Wellen lieber hin und her tanzt als sich zu drehen und Strom zu liefern.
Über 500 A/h haben wir laut unserem Zähler entnommen. Das kann natürlich nicht sein, denn auch eine Lipofe4 Batterie mit 600 A/h wäre dann quasi tot. Das Zählproblem (eingespeiste Ladung wird nicht voll gezählt) liegt an unserem alten Ladezähler dort kann der Peuckert Faktor nicht eingestellt werden.
Dennoch kann man sagen, es wurde ordentlich Strom entnommen, aber zu wenig eingespeist.
In der zweiten Woche ändert sich das zum Glück wieder, wir haben tagsüber einige Sonnenstunden und den Rest muss hin und wieder der Motor auffüllen, da kommt dann so eine Flaute genau richtig ;-) .
Einen kompletten Tag motoren wir, bei 5 Kn Wind von hinten macht das dahinschleichen mit schlagenden Segeln einfach keinen Sinn. Dafür sind die Batterien wieder randvoll und auch der Watermaker hat einige Liter Wasser produziert.
Als wir den Bordcomputer wieder mal einschalten, sehen wir über AIS ein Schiff neben uns. Wow, wir sind nicht allein, aber wo kommen die denn jetzt plötzlich her?
Über UKW nehmen wir Kontakt auf und erfahren das es sich um eine niederländische Segelyacht Typ Winner handelt mit dem gleichen Ziel, Martinique, wie wir.
Die beiden sind einen Tag nach uns in Las Palmas gestartet und somit eindeutig schneller als wir. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da die Winner (wie der Name schon sagt) ein sog. Performance Cruiser ist – sozusagen ein Formel 1 Wohnmobil ;-) und es wäre eine Schande für die Werft und alle Eigner wenn Lili schneller wäre… Der Schiffsname? WIN2WIN! Noch Fragen?
Wir machen etwas Smalltalk und sind gespannt ob wir sie in der Karibik irgendwo wieder sehen.

02_1070967Ein paar Tage später wiederholt sich das Spiel von neuem. Wieder sehen wir auf dem AIS ein Schiff neben uns. Der Abstand ist fast exakt der selbe rund 6 sm wie bei der WIN2WIN.
Wir versuchen per UKW Kontakt aufzunehmen erhalten aber keine Antwort. Jedenfalls scheint es sich hier nicht um so eine Rakete wie die Winner zu handeln, denn über 2 Tage haben wir das Schiff etwas hinter oder neben uns. Jedoch, weder bei Tag noch bei Nacht mit dem Auge (Fernglas) auszumachen.
Tage später folgen weitere Schiffe. Die meisten können wir gar nicht oder nur als kleinen Punkt am Horizont sehen, bis auf ein deutsches Schiff, die Dorasay mit Eigner Johannes nebst Freundin Estella und Sohn Rafael, sie kommen bis auf Rufweite neben uns mit ihrem deutlich schnelleren Schiff.
Seltsames Gefühl nach so vielen Tagen alleine, wieder Menschen neben sich zu haben. Nach einem kurzen Schnack verschwinden sie am Horizont – vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder.

Technisch hält sich Lili recht wacker. Aber natürlich hat es auch der berühmte „Murphy“ mit auf die Reise geschafft. Lange Zeit war er ruhig, möglicherweise seekrank, aber dann schlägt er zu.
Gerade wollen wir wegen zunehmendem Wind die große Genua wegrollen, da geht gar nichts, blockiert. Zuerst denke ich noch, dass sich die Reffleine auf der Rolle verheddert hat, kann ja mal vorkommen, aber nein, das ist nicht der Grund.
Ich versuche die Rolle vorne von Hand zu drehen, aber nichts geht. Oh, oh denke ich, da wird sich doch oben nicht das Fall um das Profil gewickelt haben (soll ja auch schon vorgekommen sein) oder der Schlitten hat sich verkantet. Das wäre beides jedenfalls saudoof, weil ich dann den Mast hoch müsste.
Nun, in den Mast hoch zu klettern ist ja normalerweise nicht so ein großes Ding, auch wenn ich andere Dinge lieber mache. Wenn man allerdings mitten auf dem Atlantik, während Lili sich derart hin und her wirft, dass man auch schon mal vom Sofa im Salon geschleudert wird, da hoch soll, hat das schon eine andere Qualität. Denn schließlich hängt man dann an einem 15 Meter langen Hebel.
Zwar mag das Ausschwingen weit über Wasser noch eine interessante Komponente haben, aber irgendwann geht’s ja dann auch wieder zurück – zum Mast und das mit viel Schwung. Nun, die Vielzahl der möglichen Erlebnisse bei so einer Aktion überlasse ich jetzt mal der Phantasie des Lesers… mir ist jedenfalls nicht so ganz wohl bei dem Gedanken. Deshalb versuche ich erst mal mit allen anderen Mitteln die Anlage wieder zum Rollen zu bewegen. Das Fall gut durchsetzen, das Fall wieder lösen, an der gesamten Anlage rütteln, beten, nein, es hilft alles nichts das Ding bewegt sich keinen Millimeter.
Auch können wir das Segel nicht so einfach herunterholen, da es rund vier Umdrehungen um das Profil gewickelt ist. Natürlich könnte man die Schoten abschlagen und versuchen das Tuch von Hand zwischen den beiden Profilen abzuwickeln (wir haben auch noch ein zweites Stag) – na ja, schon im Hafen bei Windstille ist das ein ziemliches Gemurkse, hier bei Welle und mittlerweile 17 Knoten Wind? Gibt sicher ein ordentliches Gefluche.
Also, nochmal nachdenken, und dann klingelt es, wenn die Anlage oben blockiert ist, lässt sie sich unten meist noch ein kleines Stück drehen, hier geht unten aber gar nichts.
Und jetzt sehe ich auch den möglichen Grund. An der Rolle fehlt eine Schraube, diese soll das Profil (um das das Segel gewickelt wird) halten. Am Profil sind auch die Marken der Schraube zu erkennen, allerdings ca 2 mm nach unten gerutscht. Kann es das sein? Und wenn ja, wie kriege ich das Profil wieder nach oben geschoben, von Hand geht da gar nichts.
Pling, da geht das Lämpchen an, mit Trick 17 könnte es klappen, der berühmte Siemens Lufthaken wäre sicher auch noch eine Möglichkeit, den habe ich aber leider nicht an Bord. Kurze Zeit später ist das Profil wieder einige Millimeter nach oben gewandert und siehe da, die Rolle dreht völlig frei.
Puh, Schwein gehabt, nicht in den Mast und das auch noch vergeblich, gemusst. Ich bitte Anke mir eine M8 Schraube mit Schlüssel zu bringen um das Profil wieder festzuklemmen, aber, die Schraube fällt ins Loch – zu klein.
Mein Augenmaß war auch schon mal besser denke ich, dann eben M10. Aber die M10 lässt sich nicht eindrehen, zu groß.
Na Bravo, auch noch ein Zollgewinde… und nun? Ja, da bleibt nur eines, Akkuschrauber, 8,5 mm Bohrer und M 10 Gewindeschneider nur eben nicht in der Werkstatt, sondern auf dem auf und ab schwingendem Bugspriet mit hin und her schlagendem Segel.
Kurze Zeit später passt die M10 Schraube und das Profil bleibt da wo es sein soll. Jetzt noch das Segel komplett ausrollen, Fall durchsetzen wieder einrollen und die Bierdose aufreißen ;-) .
Tja, lieber Murphy, der Punkt ging an uns ;-) .
Murphy versucht es wieder und nützt dazu natürlich gnadenlos meine Fehler aus. Irgendwann verschwindet die Leine, mit der die Lazyjacks dichtgeholt werden, nach oben (Lazyjacks sind Leinen die am Baum bzw. an der Persenning für das Großsegel befestigt sind und das Segel beim bergen (herunterlassen) einfangen bzw. am Baum halten). Und jetzt schwebt die Leine über der ersten Saling (Querstrebe am Mast ca. 5 Meter hoch).
Wenn wir jetzt das Großsegel bergen müssen fliegt es uns vom Baum. Gut, so war das früher auch und bis irgendwann einer auf die Lazyjacks gekommen ist, haben tausende Segler ihr Tuch so geborgen und auf den Mast gebunden, manche tun das auch heute noch, a b e r, wenn dass auf einem tanzenden Schiff nicht so ein Sch…job wäre, hätte doch keiner Lazys auf dem Schiff, oder?
Hat aber praktisch jeder. Also, die Leine muss wieder runter, irgendwie. Ja, man erklimmt die Maststufen bis zur Saling und fängt sich die Leine. Moment, dazu müßte man sich ein wenig nach außen schwingen?! Ist im ruhigen Hafen oder Gewässer ja auch kein Problem, aber bei dem Wellengang herum schwingen? Nee, da habe ich gar keine große Lust zu – ich weiß, ich bin ein Feigling ;-(.
Stattdessen, binden wir den Bootshaken an die Spinnakerschot, ziehen ihn nach oben und beginnen zu angeln. Ein schönes Spiel, auf dem tanzenden Deck frei stehend, den Kopf weit in den Nacken gelegt mit beiden Armen rudernd, um einerseits den Bootshaken zur herunterhängenden Leine zu schwingen, und andererseits das Gleichgewicht zu halten und nicht von Deck zu rutschen.
Zwei mal stehe ich rund eine halbe Stunde vorn dann wird der Nacken steif und es klappt einfach nicht. Zwar schaffe ich es zwei mal die Leine zu fangen, dann kam eine Welle und sie war wieder frei.
Aber aufgeben gilt nicht und als wir es das dritte mal zu zweit versuchen (wenn es diesmal nicht klappt, muss ich in den Mast) schaffen wir es nochmal die Leine zu fangen. Jetzt schön vorsichtig, keine falsche Bewegung, jeden Schritt genau überdenken, bloß die Leine nicht wieder verlieren.
Das Glück ist auf unserer Seite, es gelingt und Murphy hat eine weitere Schlacht verloren.

Anstatt des viel gelobten beständigen Passatwindes, erwischen wir eine Phase in der das einzig beständige die Veränderung ist. Sowohl Richtung als auch Stärke des Windes ändern sich oft stündlich. Das bedeutet das die Segel oft geschiftet (von der einen auf die andere Seite gebracht) bzw. immer wieder gerefft oder aus gerefft werden müssen. Das macht mit unserem schweren Spibaum für die Genua besonders viel Spaß.
Schlimmer jedoch, wenn diese Richtungswechsel völlig abrupt und ohne jede Vorwarnung kommen.
An einem Abend passiert dies sehr heftig. Wir sind gerade beide im Salon als wir merken, dass da irgend etwas nicht stimmt. Anke und ich stürmen ins Cockpit und Anke steht schon am Ruder um gegen zu steuern, aber es ist zu spät. Mit einem Ohrenbetäubendem Knall schlägt die ausgebaumte Genua back. Der Spibaum schießt auf der Mastschiene nach oben, schlägt dort den Anschlag ab und baumelt nur noch an der Holeleine und der Schot fixiert herum.
Beim klarieren stelle ich fest, das er nun auch eine neue sportliche Bananenform hat. Das Segel ist wie durch ein Wunder unversehrt.
Da haben wir richtiges Glück gehabt, denn durch genau so einen Vorfall hat die bereits erwähnte andere Stahlyacht vor uns ihren Mast verloren. Gut, dass wir den Baum nicht, wie eigentlich üblich, genau waagerecht sondern in einem leichten Winkel zum Mast hin nach oben gesetzt hatten.
Jedenfalls bleibt er für ein paar Tage in Ruhestellung bis wir uns wieder trauen die Genua auszubaumen.

Irgendwann kommen wir dem Ziel so nahe, das wir beginnen uns auszurechnen wann mit dem Landfall zu rechnen ist. Jedoch, der Windmann macht uns einen Strich durch die Rechnung und ruht sich erst mal aus.
Am Ende brauchen wir fast zwei Tage mehr da wir uns nur noch mit 3 – 4 Knoten vorwärts bewegen.
Auch aus dem ersehnten ankommen bei Tageslicht wird nichts.
Am 09.02.2015 sichten wir gegen 22:05 Uhr UTC (18:05 Uhr Ortszeit) Land. Rund 40 Sm liegen noch vor uns.
Um 06:45 Uhr UTC (02:45 Uhr Ortszeit) fällt in stockdunkler Nacht der Anker in der Bucht Saint Anne vor Le Marin auf Martinique.
24 Tage 19 Stunden und 30 Minuten waren wir unterwegs. Rund 2.800 Sm liegen in unserem Kielwasser.
Da wir die letzte Nacht beide wach waren sind wir zugleich erschöpft und aufgedreht. Es dauert etwas zu realisieren dass wir wirklich angekommen sind und dies kein Traum ist.
Morgen werden wir die Pancho wiedersehen. Auf dem AIS haben wir sie schon ausgemacht. Auch wissen wir von der Pancho über Alfons, dass es im Hafen keine freien Plätze gibt weil hier eine Regatta stattfindet. Das erklärt auch die vielen (schnellen) Schiffe die wir auf dem AIS gesehen haben. Wir werden also im großen Ankerfeld liegen müssen.
Seit unserer Abfahrt liegen wir das erste Mal wieder gemeinsam in unserer Koje die wir uns immer abwechselnd geteilt haben und gönnen uns ein paar Stunden Schlaf.

Karibik, wir sind da! YIPIEE!!!

Resümee:
Wir sind weder die ersten, noch die einzigen, die diese Fahrt über den großen Teich gewagt haben. Jedes Jahr fahren über 100 Schiffe im Rahmen der ARC (auch als Angsthasen Rally bezeichnet, da hier alles organisiert wird, die einzelnen Schiffe täglich in Kontakt mit den Organisatoren stehen und im Falle eines Falles Hilfe durch ein anderes Schiff in wenigen Stunden zu erwarten ist) über den Atlantik.
Es wäre also vermessen von einer herausragenden Leistung zu sprechen.
Andererseits, ist es ganz gewiss eine persönliche Leistung. Es ist auch bei ruhigen Bedingungen keine Kaffeefahrt. Das ständige, nie enden wollende Geschaukel zerrt an den Nerven. Jede Handlung, sei es kochen, abwaschen, der Toilettengang, die persönliche Hygiene, oder die Arbeit an Deck erfordern teils akrobatische Leistungen und können einen manchmal fast in den Wahnsinn treiben.
Sicherheit gibt es keine. Jederzeit kann irgend ein Auslöser die Situation dramatisch verändern und es bleibt einem nur die Selbsthilfe. Man ist auf sich selbst gestellt.
Andererseits ist mir sonst nichts bekannt, dass einem ein solches Gefühl der Freiheit gibt. Allein mit der Natur, dem überwältigenden Sternenhimmel bei Nacht, das eins werden mit Schiff, Wellen und Wind. Dieses unglaublich schöne Gefühl, wenn das Schiff nur durch die Kraft des Windes über die Wellen jagt, während die Windsteueranlage den Kurs hält und man selbst im Cockpit sitzt und stundenlang das Wasser und den Himmel bestaunt.
Auch wenn die erste Woche mit Windstärken um die 7 – 8 Bft und entsprechender Welle recht ruppig und der Passatwind leider nicht so beständig war, er, der Atlantik war uns wohlgesonnen und hat uns unbeschadet queren lassen.
Niemand wurde verletzt (blaue Flecken zählen als Auszeichnung), nichts ging zu Bruch (vom oberen Anschlag des Spibaums und einem Schäkel abgesehen) und die materiellen Verluste (eine Winschkurbel ging in einer etwas stürmischen Nacht über Bord und Neptun fand wohl Gefallen an einer, an der Reling zum trocknen aufgehängten, Decke) hielten sich in verschmerzbaren Grenzen.
Trotz alledem, ja, wir sind ein klein wenig stolz auf uns.