Kanaren

Kanaren
In Gran Tarajal angekommen wollten wir 2 – 3 Nächte bleiben. Der Abflugtermin für Tina von der Pancho drückte etwas aber zumindest nochmal einkaufen, am Montag und dann Dienstag los. Wir wollten unbedingt eine neue Reffleine für die Genua kaufen, da die alte – eigentlich auch neue irgendwie aus welchen Gründen auch immer, zu kurz bemessen war. Nah am Hafen hatte Thomas einen Händler entdeckt und wir machten uns gemeinsam auf den Weg. Der Laden war jedoch geschlossen. Eigentlich müsste er offen haben, aber wir sind ja in Spanien, vielleicht klappt es ja später. Es gibt auch einen Orange Laden in dem ich gerne mein Guthaben für meine spanische Mobilfunkkarte aufladen will, aber auch er ist geschlossen?! Haben wir uns in der Uhrzeit vertan?
Die Pharmazia hat geöffnet, auch der Supermarkt, die anderen Läden nicht.
Nun denn, wir gehen erst mal in den Supermarkt und fragen ob die auch in den Hafen liefern, machen sie, heute? Ja! Prima, wir füllen den Einkaufswagen, aber später an der Kasse heißt es, nein, heute gibt es keine Lieferung, erst morgen, irgendwann im Laufe des Tages. Das ist nun richtig blöd, denn eigentlich wollten wir morgen früh Ablegen und Richtung Teneriffa segeln. Thomas und Tina tragen Ihre Einkäufe selbst und wir einigen uns darauf das wir eben nachkommen.
Die Läden haben immer noch nicht geöffnet, später stellen wir dank Internet fest das heute ein Feiertag ist. Wir verbringen den Abend gemeinsam und am nächsten Morgen gehen Thomas und ich nochmal los um die Reffleine zu kaufen. Der Händler hat immer noch geschlossen, aber wir finden einen anderen, und kommen mit unserer „Beute“ zurück in den Hafen. Man will es kaum glauben, der Supermarkt hat in der Zwischenzeit bereits geliefert, so dass wir gemeinsam ablegen können.

01aIMG_4496Wieder geht es los, Anfangs unter Segel, später leider mit Motor und nachdem am nächsten Tag der Wind völlig eingeschlafen ist, beschließen wir Puerto Mogan anzulaufen. Die Pancho fährt in den Hafen, sie müssen Tanken und fragt nach einem Platz für uns. Lili würde einen bekommen, nicht aber die Pancho – der Entschluss gemeinsam vor dem Hafen zu ankern ist schnell gefasst.
Fast zeitgleich mit uns kommt ein Franzose an und schnappt uns, da wir noch auf die Nachricht der Pancho warten, den besten Ankerplatz vor der Nase weg – trotzdem findet unser Anker noch einen guten Grund, wenn auch etwas dicht bei dem Franzosen, für die Pancho wird es schwieriger, der Platz wird eng. Ins besondere weil es hier nur ein paar Flecken mit Sandgrund gibt. Dazu kommt noch, dass Thomas den Anker von Hand hochholen muss und ab einer Wassertiefe von 6 – 7 Meter wird dies schwer…
Beim dritten Versuch klappt es und auch die Pancho liegt sicher. Jetzt geht es erst mal ins Wasser, zum Baden. Später kommen Tina und Thomas mit dem Dingi vorbei, dass bei der Pancho, praktisch gebrauchsfertig am Heck gelagert ist und wir beschließen am nächsten Tag gegen Abend Richtung Teneriffa loszumachen. Dann kommen wir morgens bei Tageslicht im Hafen Puerto San Miguel an.

Die Pancho kann segeln, für uns reicht leider der Wind nicht und es wird eine Motorfahrt. Trotz dem dass wir uns schon vorher per Telefon beim Hafenmeister angemeldet haben, 10 Minuten vor Ankunft im Hafen, steht der Marinero natürlich nicht bereit um uns einen Platz zuzuweisen. Es bleibt nichts als erst mal am Tanksteg festzumachen und das Büro aufzusuchen – da hätten wir uns die Anruferei auch sparen können… spanisch halt. Wir erfahren dass der Chef nicht da sei – das erklärt vieles und irgendwann geht tatsächlich einer los und zeigt uns unseren Liegeplatz.

Kaum sind die Leinen festgemacht schalt es über den den Steg „Die Lili, hallo Wolfgang, seit wann seid Ihr denn da“. „Seit gerade eben“ rufe ich und lade Elvira und Alfons von der Murada zum Anlegerbier ein. Ist zwar etwas früh, aber wir sind ja auch die ganze Nacht durchgefahren und ein Anleger muss sein ;-) .
Die beiden haben wir vor Monaten in Culatra kennengelernt, jetz liegen sie in San Miguel wegen der Nähe zum Flughafen – das scheint das entscheidende Argument für den Hafen. Da sie schon einige Zeit hier liegen, wissen sie wo man was bekommt und von wo und wann die Busse fahren. Das ist wirklich sehr praktisch wenn man sich nicht alles selbst erarbeiten muss ;-) .

Ca. eine Stunde später trifft die Pancho ein und bekommt einen Platz am Nachbarsteg bei der Murada. Nun kommen ein paar Wochen „normales“ Hafenleben. Praktisch jeden Tag wird irgendetwas am Schiff gemacht, abends sitzt man mal auf der Pancho, der Murada oder auf Lili. Mal fahren wir mit dem Bus nach Los Christianos, mal ins Industriegebiet um dies und jenes zu besorgen. Die Tage verfliegen schnell.
Eigentlich wollten wir hier in San Miguel Silvester gemeinsam mit der Pancho und der Murada feiern, die Murada fährt aber schon vor Silvester nach Pasito Blanco weil Besuch aus Deutschland kommt (wie bei uns) und dann sagt der Wetterbericht auch noch Ostwind in Stärke 6 – 7 Bf ab Silvester voraus und der soll auch bleiben (was sich später als zutreffend herausstellt).
Wir beschließen also am 30.12. rüber nach Gran Canaria zu fahren und je nach dem wie es läuft vor Mogan oder Pasito Blanco zu ankern. Es läuft natürlich nicht so, denn nachdem es fast die ganze Zeit die wir im Hafen lagen ordentlich geblasen hat, haben wir heute zu wenig Wind und motoren den größten Teil. Nur in der Mitte der Düse zwischen Teneriffa und Gran Canaria können wir ein paar Meilen Segeln.
Mogan erreichen wir ganz kurz vor der Dunkelheit, es liegen schon 5 Schiffe vor Anker, kaum möglich noch einen Sandflecken zu erwischen in dem der Anker hält. Zwei Versuche machen wir, leider vergeblich. Auf Stein hält halt kein Anker.
Inzwischen ist es stockdunkle Nacht. Ich würde versuchen im Hafen noch einen Platz zu ergattern, doch Anke ist strikt dagegen – entweder ist es die Erinnerung an die teilweise doch recht engen Gassen zwischen den Stegen oder sie hat irgendwo schon den händereibenden Murphy gesehen. Wie auch immer, wir fahren nicht in den Hafen sondern versuchen es in der nächsten Bucht. Laut Karte soll es hier auch ein Gebiet mit Sandgrund geben. Kurz haben wir Funkkontakt mit der Murada die ebenfalls etwas weiter östlich vor Anker liegt. Dort ist es allerdings bereits recht voll.
Der Anker hält nicht so wirklich richtig in der Bucht von Tauro , da aber erstens nur schwacher ablandiger Wind vorhergesagt ist, und es gerade absolut windstill ist, werfe ich auf die bereits gesetzten 50 m Kette noch 20 m drauf. Jetzt muss es schon etwas ordentlicher blasen dass wir vertrieben werden.

Die Nacht bleibt bis in den Morgen ruhig. Wir lassen uns Zeit, denn bis Pasito Blanco sind es jetzt gerade mal noch 8 Seemeilen, also 1,5 Std. Fahrt. Denkste! Gegen 10:30 Uhr kommt plötzlich zunehmend Wind auf. Unsere Ankerkette schrabbelt immer mehr über den Grund. Zeit loszumachen. 11:15 geht der Anker hoch und der Wind dreht noch mehr auf. Er kommt, wer würde es bezweifeln – genau von vorn. Nun, werden die Segler sagen, ja da kreuzt man gegen an. Würde ich auch machen, nur dafür ist Lili nicht gebaut worden. Und bei den sich nun bildenden Wellen und Strom gegen an, befürchte ich auf der Stelle zu segeln – im Nachhinein würde ich sagen, schlimmer hätte es unter Segeln vielleicht doch nicht kommen können – aber hinterher ist man ja immer schlauer.
Wie dem auch sei, wir motoren los. Während ich mich Anfangs noch wundere dass wir nur 4 Kn Fahrt über Grund machen und ich schon überlege, ob wir vielleicht irgendetwas in der Schraube haben oder hinter herziehen, wäre ich etwas später glücklich solche Geschwindigkeiten auf dem GPS zu sehen. Ganze 1,5 Kn sind es irgendwann und ich hatte noch nie so lange Zeit die Architektur des Betonwerks, das dort an der Küste steht, zu studieren. Einmal gehe ich sogar nach unten an den Bildschirm um nachzuschauen ob wir die 1,5 Kn vorwärts oder rückwärts fahren, denn wirklich sicher bin ich mir nicht mehr ;-) .

Per UKW melden wir uns im Hafen an und fragen ob wir neben der Murada liegen können, ja das geht klar. Dann sprechen wir über Funk mit Alfons der mir empfiehlt eine lange Leine achtern (hinten) steuerbords (rechts) bereit zu machen. An dieser wollen sie uns „fangen“ damit ich rückwärts anlegen kann. Es entsteht eine kurze Diskussion (wie immer wenn zwei Menschen völlig unterschiedliche Bilder im Kopf haben) und ich sage Alfons, dass ich mit Lili nicht rückwärts anlegen will. Wir werden sehen.
Anschließend entsteht an Bord eine Diskussion wie das Anlegemanöver aussehen soll. Das ist sehr sehr selten. Wiederholt studiere ich die in unserer neuen Karte eingezeichneten Stege und frage nochmals bei Alfons nach ob er an diesem einen Steg liegt, was er bejaht. Dieser Steg würde genau in Windrichtung liegen und erstens würde eine Steuerbordleine nicht wirklich etwas nützen, zweitens rückwärts anzulegen wäre geradezu Harakiri, oder wie die Japaner Selbstmord nennen. Ich beteuere also Anke nochmals eine Leine backbords klarzumachen und das wir NIEMALS rückwärts anlegen. Denkste!
Ja es ist immer das selbe Thema, da sagt einer einem was, einer bei dem alles dafür spricht dass man ihm vertrauen kann, schließlich hat er mehr Erfahrung als man selbst, und trotzdem, widerspricht die eigene Information – aus Karten, nicht aus der Realität, dem was einem wohlwollend empfohlen wird, erwartet das eigene Unterbewusstsein, das man gefälligst seiner Entscheidung folgt und schickt gleich noch alle möglichen Gründe dafür hinterher.
Wie auch immer, wir passieren die Hafenmauer, inzwischen mit erstaunlich hoher Geschwindigkeit, denn der Wind steht uns jetzt im Rücken, der Rückwärtsgang ist schon zum bremsen eingelegt, da sehen wir das es einen „neuen“ (seit 2 Jahren) Steg gibt, welcher genau rechtwinklig zur Windrichtung liegt, und an dessen Leeseite (vom Wind abgewandt) steht unser Empfangskomitee, Elvira, Alfons und zwei Marineros. Plötzlich macht die Steuerbord Achterleine verdammt viel Sinn…
Wenn man etwas angefangen hat, bringt man es auch zu Ende denke ich und versuche Lili mit dem Bug durch den Wind zu drehen – klappt natürlich nicht, der Wind bläst viel zu stark und viel Zeit zum nachsetzten bleibt uns auch nicht, da der Wind uns unerbittlich auf die gegenüberliegenden Schiffe bzw. deren Muringleinen treibt. Das gibt Hafenkino der Extraklasse denke ich und sehe Lili schon zwischen den Muringleinen hängen.
Kleinlaut sage ich zu Anke, vergiss was ich vorher gesagt habe, wir legen Rückwärts an, ich muss es zweimal bestätigen…
Erfahrene Hände am Steg und die Tatsache das Lili bei Rückenwind eben keine Kreise drehen kann, sorgen dann dafür, dass wir das erste mal (glaube ich) rückwärts anlegen. Als dann die Leinen fest sind, fällt von allen merklich die Anspannung ab. Nicht einmal der Marinero meckert darüber, dass zwischen Murada und Lili jetzt ein halber freier Platz liegt.

Elvira und Alfons wollen noch in die Stadt einen Mietwagen besorgen und nach einem Lokal Ausschau halten in dem man Silvester feiern kann. Ein paar Stunden später kommt der Anruf – nichts vernünftiges zu finden, aber die beiden laden uns auf die Murada ein. So verbringen wir gemeinsam ein angenehm entspanntes Silvester und genießen vom Deck der Murada das unerwartete Feuerwerk am Horizont.

2015!
B18P1060453Ein neues Jahr beginnt, und eine sehr lange Seestrecke liegt vor uns. Zuerst jedoch gibt es nochmal Kontakt zur „alten“ Welt. Mutter, Bruder und Cousin nebst Partner und dem jüngsten Sproß der Familie kommen zu Besuch, wohnen aber natürlich im Hotel denn so viele Leute würden wir auf Lili nicht unterkriegen. Dafür konnten wir drei mal an einem Abendbuffet teilnehmen das keine Wünsche offen lies. Für uns ein Luxus. Trotzdem sind wir irgendwie jedes mal froh, wenn wir nach dem „Kulturschock“, auf unsere „kleine Insel“ Lili zurückkommen.

Neben all der angenehmen Abwechslung gibt es für uns noch einiges zu tun. Schließlich liegen vor uns 2.800 Sm Atlantik, da will man schon etwas vorbereitet sein. Die Stauräume werden umsortiert, Notfallpacks gepackt und wir wollen uns noch einmal das Unterwasserschiff genau anschauen, wäre ja irgendwie blöd, wenn man sich später unterwegs vorwerfen müßte, das man ein Problem rechtzeitig hätte erkennen können.

Mit der Marina handele ich aus dass wir rausgehoben werden und dann am Kran 1 Stunde Zeit haben um das Unterwasserschiff zu reinigen und zu prüfen. Sollte sich ein größeres Problem herausstellen, müssen wir einen Landliegeplatz bezahlen, das wird dann teuer.
Der vereinbarte Termin wird für spanische Verhältnisse mit nur 2 Stunden Verspätung (einer ist noch vor uns dran, aber der ist eben nicht da…) sehr pünktlich eingehalten. Danach folgt eine herrliche Vorstellung. Seltsamerweise scheint hier derjenige der am wenigsten Ahnung hat, der Boss zu sein. Wie auch immer, vor der Aktion habe ich mit dem leitenden Marinero anhand von Fotos die genaue Lage der Gurte besprochen und diese auch mit Marken am Schiff festgelegt. Ebenso habe ich ihn gefragt ob ich vorwärts oder rückwärts einfahren soll.

Der Obermarinero bedient den Kran, und anstatt die Gurte mit den vorhandenen Laufwägen an die richtige Position zu bringen, fährt er mit dem Kran immer weiter nach hinten, so dass die Quertraverse Lili´s Vorstag gefährlich nahe kommt. Wenn Lili jetzt noch angehoben wird, ist das Vorstag ab. Es benötigt einige laute Rufe um den Chef darauf aufmerksam zu machen, aber auch als er sieht dass das Vorstag bereits fast anliegt verschließt er sich der Logik. Es beginnt eine Diskussion der anderen Mitarbeitern mit „el Chefe“ die wir mit unseren geringen spanisch Kenntnissen nur erahnen können, am Ende heißt es dass man für 10 Minuten unterbrechen müßte. Aha.
Es dauert eine gewisse Zeit bis sich ein Mitarbeiter mit dem Anlegen eines Fallschutzgurtes auseinander gesetzt hat, aber als noch zwei andere mit guten Ratschlägen hinzukommen klappt es dann doch. Währenddessen frage ich mich auf Deck stehend nur was hier gerade wohl passiert. Kurze Zeit später erklimmt der Mitarbeiter die Leiter am Kran, und pickt sich oben auf der Traverse angekommen, am Schutzgitter ein. Auf allen vieren begibt er sich sodann in Höhe des ersten Laufwagens und besprüht dessen Führung mit Schmiermittel. Aha, denke ich, Chefe wollte schon die Laufwagen in Position bringen, aber die wollten sich nicht mehr bewegen… Das erhöht doch deutlich das Vertrauen.
Nachdem alle Laufwagen ausgiebig eingesprüht (es war glaube ich Silikonöl, aber Lili hat f a s t nichts abbekommen…) und diverse Test durchgeführt wurden gibt es den nächsten Versuch. Leider stellt sich wieder heraus, vorwärts geht nicht das Stag stößt immer noch an. Also bleibt nichts anderes als mit Lili Rückwärts ins Kranbecken zu fahren – das wird ein Spaß denke ich mir, aber man soll nicht schon vor dem Versuch aufgeben. Wir fahren aus der Kranbox hinaus und ich drehe Lili. Nun, man kann ein Schiff mit starkem Radeffekt (für die Nichtsegler – wegdrehen des Hecks bei Rückwärtsfahrt – stellt Euch vor wenn Ihr mit dem Auto rückwärts fahren wollt wird automatisch das Steuer gedreht und Ihr könnt nicht dagegen tun – die Segler verzeihen mir bitte den etwas platten Vergleich ;-) ) mit ein paar Tricks schon in eine Richtung bugsieren, dafür braucht man allerdings etwas Platz – und der ist hier leider nicht im benötigten Umfang gegeben.
Luvseitig liegt ein großer Katamaran und verengt diesen Spielraum, leeseitig liegt ein Steg mit Murings, einmal drin, gibt es kein vor und zurück mehr. Trotzdem geben wir nicht so leicht auf und versuchen einige Anläufe, jedoch keine Chance. Da die Marineros nicht von selbst darauf kommen, bitte ich sie mit einem Dingi gegen den Bug zu drücken um den Radeffekt auszuhebeln. Dies tun sie dann auch mit solcher Inbrunst, dass Lili nun Gefahr läuft mit der anderen Seite gegen die Mauer zu fahren (zuviel des Guten). Erst eine wirklich deutliche Ansage des Skippers bringt sie wieder in die Realität zurück und Lili kommt ohne Schaden rückwärts in der Kranbox an. Das Spiel beginnt von Neuem. Inzwischen haben sowohl der Adrenalinpegel als auch die Gereiztheit des Skippers einen Pegel erklommen der nicht mehr viel Raum nach oben läßt (man glaubt ja gar nicht wie leidensfähig man sein kann ;-) ).
Eine kurz aufflammende Diskussion dass nun die Dirk des Besanmasts störe (Die Dirk ist eine Leine vom oberen Ende des Masts (in diesem Fall unserem hinteren) zum Ende des Baums und hindert diesen am herunterfallen) läßt sich mit fieren der Dirk im Keim ersticken.
Wieder wird versucht die Tragegurte an die markierten Stellen zu befördern und tatsächlich wird Lili jetzt etwas angehoben, allerdings nicht sehr weit, dann scheint es als wolle sie aus dem vorderen Gurt rutschen. Es entspinnt sich wieder eine Diskussion unter den Marineros, dann sollen wir Leinen um die Gurte legen und diese an den Klampen belegen. Auch das machen wir, wobei mir bei der nun auftretenden Spannung an den Klampen immer unwohler wird. Als es dann wieder kracht, winke ich ab. STOPP, irgendwas läuft hier falsch.
Es beginnt wieder eine Diskussion, wieder werden die Bilder des Unterwasserschiffs und vom kranen in Ueckermünde begutachtet, aber als der Obermarinero dann einen Gurt unterm Kiel nahe Mittschiffs positionieren will winke ich ab und frage wer für den Schaden aufkommt wenn Lili dann nach vorne aus den Gurten fällt. Ich habe jetzt einen Punkt erreicht an dem (und Anke geht es ebenso) ich die ganze Aktion nur noch abbrechen will. Alles schreit danach das es schief geht.
Und um etwaige Schuldfragen und Kosten für erfolglose Leistungen im Keim zu ersticken, sage ich dem Obermarinero, o.k. an den Bildern ist zu sehen wie das Schiff gekrant wurde, wenn ihr das nicht hinbekommt, brechen wir jetzt ab. Euer Problem. Das schmeckt ihm gar nicht. Wieder Diskussion unter den Marineros die wir nicht verstehen. Dann macht sich der Jüngste von Ihnen klar um ins Wasser zu springen. Er schaut sich die Lage der Gurte an. Immer wieder taucht er ab und auf und plappert Dinge die wir nicht verstehen. Offenbar wollen Sie jetzt nicht aufgeben.
Dann taucht auch noch der Oberoberchef aus dem Büro auf und versichert mir mit freundlichem Lächeln das keine Probleme vorliegen – man bekomme das schon hin. Ah ja, denke ich. Der nächste Vorschlag, man will die Gurte vorne und hinten mit Leinen am Kiel entlang zusammenbinden, so das Lili nicht entwischen kann. Der arme Jüngste taucht nun immer wieder mit Leinen die aus irgend einem Lager herbeigeschleppt werden hinunter und kommt japsend an die Oberfläche zurück. Er tut mir echt leid. Nun muss er die Inkompetenz der Oberen im wahrsten Sinne des Wortes „ausbaden“. Bei dieser Aktion hat er den wohl größtmöglichen Höhenunterschied geschafft. Zuerst oben auf dem Kran die Laufkatzen geschmiert und nun unter dem Schiff die Leinen verknüpft.
Wieder setzt sich der Kran in Bewegung die Gurte werden angehoben und diesmal scheint es zu klappen. Wir verlassen das Deck und Lili erhebt sich über die Kante. Sofort checken wir jeden Zentimeter ab. Das Meiste sieht gut aus, lediglich am Ruderschaft und vor allem auf dem Propeller wuchert es wie in einem Meeresgarten. Miesmuscheln und auch anderes Getier haben hier eine Heimat gefunden. Das wir uns unter Motor überhaupt noch fortbewegt haben erscheint mir angesichts der Population wie ein Wunder. Muscheln fahren anscheinend unheimlich gerne Karussell…

Alle packen jetzt mit an, mit dem gemieteten Dampfstrahler wird der Rumpf vom Schleim befreit und mit Spachtel und Schraubenzieher geht es der Heimat der Muscheln an den Kragen. Die Opferanoden (das sind Zinkblöcke die wegen der im Salzwasser zwischen den unterschiedlichen Metallen statt findeten Elektrolyse am Rumpf angebracht werden und sich zugunsten der edleren Metalle opfern), sind meist noch in Ordnung, lediglich die auf der Welle sitzende muss getauscht werden. Etwas Gefummel, aber es klappt ohne wirkliche Probleme.

Viele Hände schnelles Ende, sagt der Volksmund und mit der Mithilfe aller Beteiligten sind wir nach gut einer Stunde fertig. Lilis Unterwasserschiff strahlt blitze blank und die meisten Mitbewohner haben ihr fahrendes Zuhause verlassen. Später stellen wir fest, dass uns die Aktion mal eben einen Knoten mehr Fahrt und die Gewissheit, dass da nicht irgendwo der Murphy Hand anlegt, gebracht hat. Lili wird wieder ins Wasser gesetzt und ich bin gespannt wie wir jetzt die Leinen losbekommen, aber es klappt überraschend gut und wir bekommen nicht wie befürchtet zum Abschluss noch eine der Leinen in die Schraube. Zurück am alten Liegeplatz legen wir jetzt vorwärts an und haben damit endlich unser Cockpit im Windschatten.

So eine Reise dauert eine gewisse Zeit und der Mensch will essen und trinken. Eher zufällig geraten wir in einen Supermarkt der nach etwas Bedenkzeit und ein paar Diskussionen entscheidet uns die Einkäufe an den Steg zu liefern. Direkt nach der Zusage machen wir einen zweiten Supermarktdurchgang, diesmal nicht mehr mit einem Handkorb sondern gleich mit zwei Einkaufswagen. Diese Angebot nicht zu nutzen wäre einfach nur dumm. Wir müssen uns regelrecht beeilen mit dem Taxi zurück in den Hafen zu kommen um die Lieferung zu empfangen. Die Jungs vom Lieferservice haben anscheinend riesigen Spaß und fragen ob Sie Fotos machen dürfen. Na klar, und so sieht das alles aus unserer Perspektive aus…

Trotz alle dem gibt es immer noch einige Dinge die fehlen und so können wir von Glück sagen so liebe Stegnachbarn wie Elvira und Alfons zu haben. Man trifft unterwegs immer wieder auf nette sympathische Menschen aber es ist selten Menschen wie diese beiden zu treffen. Nicht nur das uns die beiden über einige Tage billigen Diesel von einer Tankstelle ankarren, nein, sie nehmen auch uns oder andererseits mal unsere Besucher in ihrem Mietwagen mit. An einem Abend kommen die beiden sogar ins Hotel und weil wir noch nicht zum Ende gefunden haben, legen die beiden eben mal einen flotten Tanz aufs Parkett haben Spaß und warten auf uns. WOW!

Zu guter Letzt, obwohl es noch lange nicht das Ende der Fahnenstange markiert nimmt uns Alfons im Mietwagen noch zum großen deutschen Supermarkt für den ultimativen Einkauf mit. Wie nicht anders zu erwarten, ist der Wagen bis unters Dach voll. Hunger leiden werden wir für eine gewisse Zeit sicherlich nicht.
Wer denkt hiermit ist der Hilfe genug, kennt Alfons nicht. Er bietet an unsere Familien per Email über unseren Standort und Wohlergehen während der Atlantiküberquerung auf dem laufenden zu halten und steht deshalb jeden morgen vor 8:00 Uhr auf, um an der Funkrunde Intermar teilzunehmen. Unser Dank läßt sich nicht in Worte fassen.

Für unseren Besuch neigt sich der Urlaub langsam dem Ende zu und für uns beginnt eine neue Herausforderung Gestalt an zu nehmen. Haben wir alles bedacht und – wollen wir das jetzt wirklich machen? Wir könnten auch hier bleiben, im späten Frühjahr wieder zurück an die Algarve wo wir unsere lieben Freunde Karin und Louis wiedertreffen würden, oder ins Mittelmeer segeln. All das scheint überschaubarer als über den Atlantik zu gehen, 2.800 Sm nur Wasser, 20 bis 28 Tage segeln, allein, ohne erwartbare Hilfe. Natürlich machen wir uns über all dies Gedanken, aber, unsere Entscheidung steht – wir fahren…